Fukuoka

In Fukuoka suchen wir vergeblich nach direkter Nachbarschaft. Unser Mega-Hotel ist eingekreist von Konsulaten, Büros, Einkaufszentren und einem Baseballstadion. Auf der Nordseite schliesst einer der zahlreichen Stadtstrände an, für die sich im Frühling noch niemand interessiert …

Die Stadt hat die Größe von München, fühlt sich aber kleiner an. Das Angebot an Attraktionen ist übersichtlich, die Wege kurz, das Leben jung und bunt aber nicht sehr maritim. Eín aussergewöhnliches Gebäude ist das Acros-Building. Vom Boden bis zum Dach reichen die bepflanzten Etagen. Eine Treppe, die frei zugänglich ist, führt bis zu einer Terrasse mit Blick auf die Stadt, die derzeit viele weisses Kleidchen trägt ...

Trotz der Kälte sind die Kirschblütenparties in vollem Gange, bei Tag und bei Nacht. An den Eingängen der großen Parks kann man sich mit Futter eindecken. Alkohol fliesst reichlich und der gemeinhin schüchterne Japaner ​blüht frühlingshaft auf wie der Baum, sackt dann aber auch ganz gerne schnell wieder herbstlich zusammen ...

Genau wegen der Einfachheit der traditionellen japanischen Häuser wird der Blick auf Einzelheiten intensiver. Mir wird es immer ganz feierlich zumute bei einem solchen Besuch …

Nein, wir bestellen keinen Quatsch mit Sosse, wir probieren die typische Suppe aus Schweinegeschwürpselbrühe "Hakata-Ramen" mit leckeren Zutaten.

Tok Tok

"Heute ist ein guter Tag". Das ist Motto von Tok Kise , dem Gründer und Chef von Truck Furniture (1997). Ich bin lange ein Fan von seinen Möbeln, deshalb wollte ich den Laden in Osaka unbedingt besuchen. Zufällig hab ich dabei Tok persönlich kennengelernt und er hat mich zu einer Betriebsführung, mit anschliessendem Besuch im eigenen Café eingeladen. Das war dann wirklich für mich ein guter Tag, denn ich hatte bei unseren intensiven Gesprächen das Gefühl, er ist ein Seelenverwandter.
Ich konnte sein Entwurfsbüro sehen, die Werkstatt, die Garage in der er die Prototypen baut (wo sich auch viele andere gesammelte Schätze befinden) und den Showroom natürlich. Alle Gebäude auf dem Gelände hat er selbst entworfen. Die Terrasse und das Amüsierhäusschen auf dem Dach der Werkstatt ist für seine Mitarbeiter, damit sie in der Pause in die Ferne und auf die Berge schauen können. Er ist ein guter Chef, denn er macht sich wirklich Gedanken um das Wohl und die Fortentwicklung seiner Mitarbeiter. Er will auch, dass alle reisen und bietet deshalb einen Englischkurs an, der wöchentlich abgehalten wird. Was für ein Typ … großartiger Gestalter mit sicherem Geschmack, erfolgreicher Geschäftsmann, Trial-Motorbike-Fahrer, Schwimmer, Autosammler, Hunde-(5) und Katzen-(6) Liebhaber, Vater einer Tochter ist er auch noch … und bei allem Stress soooo nett und offen geblieben.

An meinem letzten Tag in Osaka besuche ich eine Kapelle des Architekten Jun Aoki. Liebe Emmi, liebe Mutti, wenn wir so etwas hätten würde ich ja auch mal wieder öfters hingehen …

Osaka

Ihr kennt es schon, wenn ich an einem neuen Ort ankomme, gibt es zuerst den Nachbarschaftscheck. Ist ja egal wo man hingeworfen wird, es gibt immer Menschen zu beobachten, die es anders machen als wir. Und es gibt Dinge zu entdecken, die wir nicht haben.
Es ist Nachmittag als ich in Nishikujo ankomme. Mir fällt gleich auf, dass im Viertel das Fahrrad Fortbewegungsmittel Nummer 1 ist. Die Fahrräder sind Bequemlichkeitsgefährten oder man greift auf ein leicht verstaubares Faltrad zurück. Ist alles auf Praktikabilität ausgerichtet, man sieht im Strassenbild weder Modefahrräder, noch Rennräder oder Mountainbikes.
Der Supermarkt setzt ein erstes Zeichen für landestypische Neon-Helligkeit, Bezeichnungswut, Verpackungswahn und die Dominanz der Grundfarbe Weiß (was ich alles auch irgendwie gern habe). Als ich den Markt verlasse, ist schon dunkel. Ich brauche diesmal nicht aufs Dach zu steigen für den Weitblick, das geht bequem von meinem eigenen Balkon aus, im 8. Stock des Apartmenthauses, wo ich ein Tatami-Zimmer bei Mako untergemietet habe.

Am nächsten Morgen werde ich vom Big-Ben-Sound der Junior High School Pausenglocke geweckt. Erst bei genauen Hinschauen (siehe Google-Earth von oben) erkenne ich, dass sich vor meiner Nase der wahrscheinlich "schrägste" Fußballplatz der Welt befindet.

Osaka ist streng zu sich selbst und gut organisiert für alle Altersklassen. Generell viele Dinge in Japan sind sorgfältiger gemacht oder schon weiter gedacht als bei uns. Die Folklore hat nichts von ihrer Anziehungskraft verloren und wirkt in ihrer Schlichtheit und Rauheit wie eine zeitgemässe Antwort auf den Terror der Warenwelt, den es hier natürlich genauso gibt.
In Nishikujo ist alles ziemlich gemixt. Es gibt heruntergekommene Parks und 50er Siedlungen, Luxusapartmenthäuser und schicke Einfamilienhäuser, wo das eigene Auto in der offenen Parkgarage stets zum Gesicht der Fassade gehört.

Eine Pest sind die zahlreichen Spielhöllen. Ich glaube da haben die Japaner ein echtes Suchtproblem. Die Leute stehen um 12h mittags schon Schlange um gleich Geld in den Rachen der Maschinen zu schmeissen. Es ist wahnsinnig laut an diesen Orten. Wenn man zufällig vorbeigeht und die Schiebetür öffnet sich, drischt ein ohrenbetäubender akustischer Orkan auf einen ein.

Ich fahre bequem mit der JR Loop-Bahn ins Zentrum. In der angenehm luftig wirkenden Osaka Station lässt man sich von dem attraktiven Personal der Information gerne den Weg zur der Mitsukoshi-Foodhall erklären.
Hilfe, so schaut ein high-end Food-Court in Japan aus. Ich erkenne zunächst garnicht, dass es sich hier um Essen handelt, so schön ist alles inszeniert hergerichtet und verpackt. Umweltmässig natürlich eine Riesensauerei.

Am nächsten Tag ein Besuch des Expo '70 Memorial Park; standesgemäss die Fahrt mit der expotypischen Monorail.
Die Jagd nach den Werken von Isamu Noguchi und dem Geheimnis des Wabi-Sabi (Imperfektion als ästhetisches Prinzip) ist damit eröffnet. Das Wasserspiel, das Noguchi 1969 installiert hat, ist zwar baulich noch vorhanden doch leider wurde der Wasserhahn abgedreht. Ich habe 2 Bilder aus den 70ern im Netz geklaut um Euch zu zeigen wie es sein sollte.

Schlichte, rauhe Schönheit und Anmut dagegen im Arts&Craft Museum und im Japanischen Garten mit seinen "Rohe"-Gebäuden und traditionellen Möbeln. Es ist Pflaumenblütenzeit und bei schönem Wetter treffen sich die Japaner in den Gärten und machen Picknick mit der Familie und den Freunden. Später bei der Kirschblüte kann das im Massenrummel ausarten.

Am dritten Tag ein Besuch des Suntory-Museums im Hafen, gebaut von Tadao Ando. Ist leider geschlossen, macht nix dafür ist mehr Zeit für das Aquarium. Zugegeben, ich und meine Kamera waren total begeistert von dem Ort. Wenn ihr wissen wollt, was Disziplin heisst in Japan, dann schaut Euch bitte nur mal die Kindergruppe an, die sich vor dem Museum geordnet zum Abmarsch versammelt hatte.