Osaka

Ihr kennt es schon, wenn ich an einem neuen Ort ankomme, gibt es zuerst den Nachbarschaftscheck. Ist ja egal wo man hingeworfen wird, es gibt immer Menschen zu beobachten, die es anders machen als wir. Und es gibt Dinge zu entdecken, die wir nicht haben.
Es ist Nachmittag als ich in Nishikujo ankomme. Mir fällt gleich auf, dass im Viertel das Fahrrad Fortbewegungsmittel Nummer 1 ist. Die Fahrräder sind Bequemlichkeitsgefährten oder man greift auf ein leicht verstaubares Faltrad zurück. Ist alles auf Praktikabilität ausgerichtet, man sieht im Strassenbild weder Modefahrräder, noch Rennräder oder Mountainbikes.
Der Supermarkt setzt ein erstes Zeichen für landestypische Neon-Helligkeit, Bezeichnungswut, Verpackungswahn und die Dominanz der Grundfarbe Weiß (was ich alles auch irgendwie gern habe). Als ich den Markt verlasse, ist schon dunkel. Ich brauche diesmal nicht aufs Dach zu steigen für den Weitblick, das geht bequem von meinem eigenen Balkon aus, im 8. Stock des Apartmenthauses, wo ich ein Tatami-Zimmer bei Mako untergemietet habe.

Am nächsten Morgen werde ich vom Big-Ben-Sound der Junior High School Pausenglocke geweckt. Erst bei genauen Hinschauen (siehe Google-Earth von oben) erkenne ich, dass sich vor meiner Nase der wahrscheinlich "schrägste" Fußballplatz der Welt befindet.

Osaka ist streng zu sich selbst und gut organisiert für alle Altersklassen. Generell viele Dinge in Japan sind sorgfältiger gemacht oder schon weiter gedacht als bei uns. Die Folklore hat nichts von ihrer Anziehungskraft verloren und wirkt in ihrer Schlichtheit und Rauheit wie eine zeitgemässe Antwort auf den Terror der Warenwelt, den es hier natürlich genauso gibt.
In Nishikujo ist alles ziemlich gemixt. Es gibt heruntergekommene Parks und 50er Siedlungen, Luxusapartmenthäuser und schicke Einfamilienhäuser, wo das eigene Auto in der offenen Parkgarage stets zum Gesicht der Fassade gehört.

Eine Pest sind die zahlreichen Spielhöllen. Ich glaube da haben die Japaner ein echtes Suchtproblem. Die Leute stehen um 12h mittags schon Schlange um gleich Geld in den Rachen der Maschinen zu schmeissen. Es ist wahnsinnig laut an diesen Orten. Wenn man zufällig vorbeigeht und die Schiebetür öffnet sich, drischt ein ohrenbetäubender akustischer Orkan auf einen ein.

Ich fahre bequem mit der JR Loop-Bahn ins Zentrum. In der angenehm luftig wirkenden Osaka Station lässt man sich von dem attraktiven Personal der Information gerne den Weg zur der Mitsukoshi-Foodhall erklären.
Hilfe, so schaut ein high-end Food-Court in Japan aus. Ich erkenne zunächst garnicht, dass es sich hier um Essen handelt, so schön ist alles inszeniert hergerichtet und verpackt. Umweltmässig natürlich eine Riesensauerei.

Am nächsten Tag ein Besuch des Expo '70 Memorial Park; standesgemäss die Fahrt mit der expotypischen Monorail.
Die Jagd nach den Werken von Isamu Noguchi und dem Geheimnis des Wabi-Sabi (Imperfektion als ästhetisches Prinzip) ist damit eröffnet. Das Wasserspiel, das Noguchi 1969 installiert hat, ist zwar baulich noch vorhanden doch leider wurde der Wasserhahn abgedreht. Ich habe 2 Bilder aus den 70ern im Netz geklaut um Euch zu zeigen wie es sein sollte.

Schlichte, rauhe Schönheit und Anmut dagegen im Arts&Craft Museum und im Japanischen Garten mit seinen "Rohe"-Gebäuden und traditionellen Möbeln. Es ist Pflaumenblütenzeit und bei schönem Wetter treffen sich die Japaner in den Gärten und machen Picknick mit der Familie und den Freunden. Später bei der Kirschblüte kann das im Massenrummel ausarten.

Am dritten Tag ein Besuch des Suntory-Museums im Hafen, gebaut von Tadao Ando. Ist leider geschlossen, macht nix dafür ist mehr Zeit für das Aquarium. Zugegeben, ich und meine Kamera waren total begeistert von dem Ort. Wenn ihr wissen wollt, was Disziplin heisst in Japan, dann schaut Euch bitte nur mal die Kindergruppe an, die sich vor dem Museum geordnet zum Abmarsch versammelt hatte.