Shanghai Rainbow City

Irgendwo da oben wohne ich also. 22. Stock, Rainbow City, Building 01. Die Kollegen von Markgraph haben mich gut untergebracht. Apartment mit genialem Weitblick, ein gutes Omen für die vorerst letzte längere Station auf meiner Reise.
Die ersten Tage war ich geschockt. Kam ich nicht aus dem saubersten, sichersten und gesittesten Land der Welt? Ich hatte mir Shanghai wirklich viel weiter entwickelt vorgestellt. Das kommt sicher von den medialen Bildern, die in erster Linie von der schönen neuen Welt hier berichten. Das Wasser aus den Leitungen kann man deshalb trotzdem nicht einmal zum Zähneputzen benutzen. In Wirklichkeit ist es also noch halb 3., halb 1. Welt. In den Strassen parkt der nagelneue Benz neben dem schrottigen Elektromofa. Das ist der Kampf hier und auch die Chance: explosive Modernität und Kreativität rivalisiert mit hartnäckiger Armut und traditionellem Sumpf.
Meine Nachbarschaft ist das beste Beispiel. Was ihr seht, ist mein Weg zur Arbeit.

Architektonisch interessant wird es in der sog. kreativen Zone rund ums Atelier herum: vorbildlich!
Nebenan ein Theater, gegenüber vom Büro der alte Schlachthof ("1933", nach seinem Baujahr genannt) mit seltsam verschachtelten Innereien. Ein touristisches Highlight und laut Reiseführer, eines der besterhaltenen Art Deco-Gebäude der Welt. Wie auch immer, heute wird es unter anderem als Standort für Kunstgalerien und als Event-Location genutzt.

Auf dem Heimweg noch einen kurzer Besuch bei der Kleinmarkthalle. Nicht alles was ich sehe erfreut das Herz, speziell nicht das Lebendige. Ist nichts für zart beseelte Westeuropäer. Da hilft der freundliche Tofuverkäufer nix und kein Glücksklee im Sonderangebot.

Man beruhigt sich erst wieder mit dem nächtlichen Ausblick im 22. Stock, schön weit oben über den Dingen schwebend.​

Notizblog Japan

Fazit!

In einem Satz: Today is a good day! (Tok)
Japan hatte es schwer bei mir. Beim letzten Mal vor zwei Jahren war alles neu und sensationell. Das echte japanische Essen, die kulturellen Phänomene, die angesteuerten Ziele (Miyako-Island mit seinen perlweissen Stränden und Gemüseäckern, Kyotos historische Gärten, die Kunstinsel Naoshima, das Noguchi Museum in Mure). Zum ersten Mal konnte ich damals diese feinsinnige, auf leise Töne, Belassenheit, Simplizität und Stille konzentrierte Folklore erleben. Ich fand einfach alles toll!
Diesmal war schon der Einstieg ungemütlich. Von der Hitze Thailands brutal in eine Eiseskälte gestossen, sah ich von Anfang an alles viel kritischer. Das Reisen mit Marcus war toll und natürlich haben wir viel Neues entdeckt. Aber es hat mir nicht immer geschmeckt. Hätte ich nicht Mako, Tok und Ori kennengelernt, ich glaube ich wäre etwas frustriert weitergezogen, da ich mit der althergebrachter Steifheit und den übergroßen Ritualen der Höflichkeit nicht so gut zurechtgekommen bin. Auch wenn ich mir jetzt, in Shanghai, nichts sehnlicher Wünsche als genau das … haha!

Was haben die, was wir (in FFM) nicht haben?
    •    Sauberkeit, Sicherheit, innere Ruhe (?) aus Prinzip
    •    eine wunderbare intelligente und feinsinnige Folklore als Gegengift zu Konsumgeilheit, Arbeitswahn, globaler Hektik und Eventterror
    •    einfachste Regeln der Höflichkeit, die von wirklich allen eingehalten werden
    •    Krampf und eine Verklemmtheit, die sich erst nach ein paar Glas Alkohol verflüchtigt
    •    Stummschalte-Prinzip für Handys
    •    ein technisch und organisatorisch überragendes Schienensystem
    •    eine funktionierende Grundversorgung mit Getränken (an jeder Ecke ein Getränkeautomat)
    •    die älteren Generationen genießen verdienten Respekt
    •    Minibusse statt Kombis
    •    Menschen die etwas zu Ehren ihres Landes tun
    •    Wegwerfen von Müll und Gegenständen auf die Strasse ist gesetzlich verboten (müsste man bei uns einführen, speziell wenn ich an das Mainufer denke, das regelmässig abends bei schönem Wetter müllmässig verwüstet wird: wir bräuchten auch so ein Bewusstsein, dass wir selbst für unseren Müll verantwortlich sind)
    •    und natürlich … ein Meer an kleinen kulinarischen Köstlichkeiten (eine Küche, wie eine Probierstube!)  


Was braucht das Land dringend?
    •    mehr Lockerheit
    •    Überarbeitung der altmodischen Prinzipen des zwischenmenschlichen Umgangs
    •    ein Ende des Verpackungswahns
    •    Umweltbewusstsein nicht aus Pflicht sondern aus Überzeugung
    •    Rauchverbot in Restaurants
    •    Mut zu Tempotaschentüchern
    •    Suchtberatung bei der Bekämpfung der Spielhöllenabhängigkeit


 Was habe ich verpasst?
    •    Sumo
    •    Teezeremonie


Was persönlich auf die Ohren bekommen?
    •    nein, im Gegenteil, einmal habe ich einen Schaffner angepflaumt und das tut mir heute noch leid
    •    oder doch, von Marcus, weil ich mal wieder so viel verglichen, theoretisiert und pauschalisiert habe, statt es mal als Ganzes zu sehen


 Wann ist das Leben am süßesten gewesen?
    •    der Tag bei Tok in Osaka, als ich in der Glaspyramide von Noguchi saß, im Schwimmbad in Nagasaki, über den Gärten von Ando in Awaji, im Grand Hyatt bei Izumis Steinen, mit Marcus zu reisen und über Verdauung reden zu dürfen


Spaces for Ideas?
    •    Shinkansens
    •    die Gesamtinszenierung des SKY TREES in Tokyo
    •    Saanas Architektur (als geniale Weiterentwicklung der Moderne)
    •    Moerenuma Park in Sapporo (als Vorbild für den Monte Scherbelino)


 Was ist nicht so wie es zu sein scheint?
    •    wahrscheinlich das japanische Sexleben (irgendwo muß es ja zu Berührungen und Emotion kommen)


Bleiben, gehen oder wiederkommen?
    •    unbedingt wiederkommen, nach Tokyo und zum radeln in Hokkaido, zu Tok und um Marcus Mama zu besuchen

Tokyo Kuramae

Kuramae
Je länger ich hier bin desto mehr gefällt es mir im Stadtteil Kuramae. Begleitet mich beim Spaziergang durch meine Nachbarschaft. Seht euch die coolsten Cafés und Geschäfte an. Werft einen Blick in die nettesten Ecken, für Mensch und Tier gleichermassen interessant. (die absurde Hundebäckerei liegt direkt bei meinem Hotel, zum Glück hab ich nie wirklich da jemanden einkaufen gesehen)

Ihr werdet einer Baustelle begegnen. Baustellen sind geschäftige Micro-Villages in Japan. 24 Stunden werden sie vom zahlreichen Sicherheitspersonal abgeschirmt. Wie bei uns stehen viele Arbeiter herum und beobachten streng das Geschehen.

Wenn es beim Essen schnell gehen soll, besucht man hier kleine Imbisse, wo vorab das Essen aussen am Automaten auswählt und bezahlt wird. Der Vorgang innerhalb des Lokals beschränkt sich also nur auf (rasch serviertes) Essen fassen.

Das hübsche weisse Café liegt direkt am Fluß. Man kann gegenüber am anderen Ufer die Zelte der Obdachlosen sehen, die an Ordentlichkeit kaum auf der Welt zu überbieten sind.

Die Schiffe im Kanal gehören zu den kleinen Fress-Buden, wo Speisen für die Ausflugsfahrten auf dem Fluß zubereitet werden.

Ja, ja, schön war die Zeit als man noch Platten gehört hat. Ich sehne mich nach dem krachenden Sound wenn die Nadel auf der Platte aufsetzt. Nächstes Weihnachten kommt mir wieder so ein Ding ins Haus. Und die Scheiben dazu hole ich mir hier.

SONY Archiv
SONY-Produkte haben mich mein ganzes Leben begleitet. Als ich zu "I am Sailing" von Rod Steward meinen ersten Blues getanzt habe, kam die Musik aus einer SONY-Anlage. Mein erster, mit eigenem Geld verdienter Fernseher war ein SONY Trinitron. Beim Tragen von etlichen superschweren SONY-Cubes für Markgraph habe ich mir den ersten Hexenschuss zugezogen. Meine erste digitale Kamera war …? Na klar, eine SONY. Connections noch und nöcher, was also liegt da näher als denen mal einen Besuch Zuhause abzustatten, wo alles begann. Fotografieren leider verboten …

Isamu Noguchi
Herr Noguchi hat zum Abschluß der Japan-Dokumentation die Ehre noch einen ästhetischen Höhepunkt zu markieren. Meine Güte, wie kann ein einzelner Mensch nur so viel richtig machen in seinem Leben? Ihr seht die Haupthalle der Sogetsu Ikebana School mit einem Felsengarten, den er 1979 fertiggestellt hat.