Kakadu Nr. 052

Auf vielfachen Wunsch meiner Mama, ein letzter Gruß aus Sydney mit Tieren und Pflanzen. Zu Beginn müsst ihr mich allerdings auf einen kurzen Besuch in den romantischen Stadtteil Mosman begleiten. Die Fähre bringt uns bei Sauwetter zurück ins 3 km entfernte Zentrum, wobei wir uns sogleich im Royal Botanic Garden auf die Suche nach den begehrten Objekten begeben. Enjoy!

Sustainability

Grün ist das neue Schwarz. Richtig so! Und es ist noch lange nicht zu Ende gedacht. Umweltschutz, Energiegewinnung, Green Design sind nur eine Seite der Medaille. Nachhaltigkeitskriterien sind bereits heute ein Checkpoint für einfach alles was uns betrifft. Von der industriellen Produktion, über Corporate Governance und Stadtplanung, bis hin zur persönliche Wohnungseinrichtung, der Wahl von Fortbewegungsmitteln, überhaupt der ganzen individuellen Lebensführung. Sustainability ist auch ein großer Marktplatz für Ideen, einer auf dem man noch Geld "verdienen" kann.

Ich habe hier in Sydney schon mal zwei Orte der Nachhaltigkeit für Euch ausgecheckt. Den Biomarkt Redfern und ein alternatives Möbelunternehmen in Rosebary.

Eine schöne Idee auf dem Markt war ein öffentlicher Kochkurs zum Konservieren von Lebensmitteln. Ein Projekt, das von Künstlern/Designern initiiert wird, die sich der Nachhaltigkeit bis ins Detail verschrieben haben.( http://www.makeshift.com.au/hq/our_philosophy.html). Der freundliche Messerschleifer ist sein eigener Chef und kocht auf inhaltlich kleinerer Flamme. Er ist eigentlich Künstler, hat nach Arbeit mit Muße gesucht und diese bei der Schleiferei gefunden. Unter der Woche fährt er von einem Designer-Restaurant zum nächsten und sorgt dafür, dass die Messer immer scharf bleiben. Früher gab es das auf dem Land schonmal, er hat es für die Stadt wieder neu erfunden und kann sogar eine Familie damit ernähren, sagt er.

"Koskela" heisst ein Möbelunternehmen bei dem man Einkaufen kann und gleichzeitig Einblick in die Werkstatt gewährt bekommt. Im Gesamtkonzept integriert, befindet sich unter dem gleichen Dach eines der angesagtesten Restaurants der Stadt für organisches Essen ("Kitchen by Mike"). Offenheit ist eines der Prinzipien bei der Herstellung und Präsentation der Möbelstücke wie auch der Gerichte.

Sydney Magazine

Parade
Vergangenen Sonntag war die chinesische Neujahrsparade, die traditionell in der Dämmerung stattfindet. Chinesen sind schon lange in der Stadt, die Ersten kamen vor fast 200 Jahren. Heute sind es mehr als 250.000. "Parallelgesellschaft" ist kein Thema hier. Chinatown, Chinese Garden, die asiatischen Märkte, medizinischen Einrichtungen und eben auch traditionelle Events sind fester Bestandteil der Stadtkultur.
Die Parade reflektiert Tradition, alten Siedlerstolz, aber auch Ströme einer solidarischen internationalen Immigrationsgemeinde. Strenge, Anmut und zugleich Scheuheit liesst man in den Gesichtern der Teilnehmer von traditionell orientiereten Gruppen. Ganz schön FUNKY dagegen präsentiert sich die Jugend und das neue technikverliebte China, nicht zuletzt unterstützt durch die LED-illuminierten Wagen.

Carriageworks
Weiter geht es im Stadtteil Redfern. In direkter Nachbarschaft von Juli und Guido (meine herzallerliebsten Gastgeber in Newtown) befand sich früher ein riesiges Eisenbahndepot mit wunderschönen Backsteinhallen. Heute lebt in den alten Gemäuern ein multiples Zentrum der modernen Künste weiter: Carriageworks, bestehend aus Ausstellungshallen, mehreren Theatersälen, Galerien. In einer Aussenhalle gastiert ein Biomarkt am Wochenende. Die Hülle und das Tragwerk sowie einige technische Einbauten der Gebäude wurde belassen. Die modernen Neubauten im Inneren sind simpel, unaufgeregt und doch sehr interessant im Detail. Das Programm des Hauses ist inhaltsgesteuert und klingt aussergewöhnlich. Ein Ort der beides bewirkt, Neugier und Gelassenheit. Ein perfekter Ort der Zukunft…

Redfern
Redfern ist das neue Newtown, erzählt mir Guido.
Der Stadtteil war im letzten Jahrhundert industriell geprägt. Die Entindustrialisierung führte dazu, dass einige Ecken heftig vergammelten. Redfern galt noch vor 15 Jahren als DER Ort von dem Kriminalität ausging in Sydney. Und hier lebten viele der entwurzelten Aborigines, die ihren Kummer in Alkohol ersäuften. Sodom und Gomorra … bis die erste Welle der Gentrifizierung über den Stadtteil hereinbrach, so um das Olympiajahr 2000.
Gentrifizierung, wie geht das eigentlich?
Zuerst kommen einige ganz wenige Wagemutige. Die checken einen kaputten Ort aus und teilen den Anderen mit, dass man hier durchaus überleben kann. Dann trauen sich die Imigranten, die sich ebenso einfinden wie die ersten Kreativen und Lebenskünstler, einschliesslich der "Punks" (alle ohne Kohle). Die Immigranten sind fleißig und diszipliniert, reissen sich schliesslich die Geschäfte unter den Nagel. Die Künstler sind faul, haben aber Geschmack und fangen an alles zu bemalen und zu verschönern. In der Freizeit hängen sie in liebenswürdig schrulligen Cafés rum und freuen sich ansonsten über die noch niedrigen Mieten. In diesem Moment ist das Viertel am liebenswürdigsten. Das kriegen die Vermieter leider immer irgendwie mit und erhöhen sogleich die Mieten. In diesem Dreh wachen auch die Behörden auf und kümmern sich um eine Verbesserung der Infrastruktur bzw. lassen Zentren jeder Art entstehen (siehe oben). Es folgen die Kreativen mit Geld, im Anhang Tony & Guy, die Nagelpflegerinnen, Masseure, intern. Feinkostgeschäfte, Fitnesscenter, Blumenläden und Designerlokale, neuerdings auch immer mehr Fahrradgeschäfte. Agenturen und moderne Dienstleistungsbetriebe siedeln sich an. Die Geldmenschen fangen an die Häuser zu modernisieren und den Stadtteil in jeder Hinsicht "sustainable" zu gestalten. Endlich ist es so richtig teuer! Es folgen die Familien mit gesichertem Einkommen, im Schlepptau die Immobilienmakler und die Psychotherapeuten. Hier stoppt jetzt der Prozess, mehr oder weniger für 30 Jahre.

Nach den 30 Jahren endlich kommen die Russen - mit dem Koffer voller Geld - machen alles platt und bauen Wohnungen und Serviced Apartments für neureiche Immigranten und Pensionäre aus den Teilen der Welt, wo gerade zufällig der Reichtum ausgebrochen ist. Redfern sieht dann vielleicht nur noch so aus …

Noch ein typisches Merkmal: In jeder Phase der Gentrifizierung wird der Neuankömmling der nächst höheren Schicht stets zum Hassobjekt der gegenwärtigen Wohnbevölkerung.

Darlinghurst
Solche Probleme kennt Darlinghurst nicht. Hier leben schon lange die Leute mit Geld und Yacht und allem pipapo. Die Kneipen sind ebenfalls lauschig aber das ist gestylte Lauschigkeit. Die Gäste sind wohlhabend, was man schon daran erkennt, dass sie alle immer neu angezogen sind.

Mir gefällt es hier auch gut. Ich stehe auf alte Apartmenthäuser mit bohemianischen Flair. Ist schön, wenn architektonisch mal alles von Anfang an richtig gemacht wurde, und man reisst es auch nicht ab nach 30 Jahren…

Ach, ja und dieses ideal gelegene Schwimmbad bildet das Tüpfelchen auf dem i...