San Telmo Markets

​Ich weiß, schwer langweiliges Thema: Fotos von bunten und skurrilen Wochenend-Flohmärkten und Markthallen, die bekanntlich fast überall auf der Welt inhaltlich rein touristisch gesteuert sind.

Was trotzdem amüsant sein kann ist, dass jede Location doch etwas Eigenes hat, zumindest was Themen, Farben und Verkaufsschlager anbelangt.

Auf dem Flohmarkt in San Telmo ist es z.B. die Dominanz der Farbe Braun. Sie taucht in allen Schattierungen auf. Braune Lederwaren, braune Mate-Teetassen, braune Würste, braune Keramik bis hin zu braunen Tischtennisplatten. Inhaltlich überraschend ist die Erscheinung eines alten, tot geglaubten Stars der Szene. Welcome back Che!

 Noch eine typische Sache: die Leute hier müssen Geduld haben. Sie stehen an! An der Bushaltestelle, in meterlangen Reihen, mit respektvollen Abstand zum Nachbarn. Auch wenn es nur darum geht, ein spastisches Foto neben einer Comicfigur zu machen oder auf Fertigstellung einer leckeren Wurstsemmeln  zu warten.

Los geht’s in der U-Bahn, wo es bisweilen so übel riechend zugehen kann wie in den Smog verseuchten Straßen von BA  ...

Gemütlicher finde ich es aber da, wo es was zu futtern gibt. Mercado de San Telmo hilft mir für kurze Zeit über den Trennungsschmerz von der Kleinmarkthalle hinweg. Der lustigste Laden ist die Metzgerei mit Schallplattenverkauf (Fotos von Katharina) ...

El Ateno Grand Splendid

Heute führe ich Euch in den schönsten und größten Buchladen der Stadt: „El Ateno“. Bevor wir uns auf den direkten Weg machen, kommen wir an einem der vielen kleinen improvisierten Lebensmittelläden in der Nachbarschaft vorbei, die bei uns längst ausgestorben sind. Dieser ist besonders hübsch und ich finde hier auch endlich ein für meine Verdauung (der Sorgen) hilfreiches und somit existenzielles Produkt: getrocknete Feigen! Beim Anblick der Warenanordnung geht mir wieder das Thema Größenwahn der Porteños durch den Kopf. Ist es doch wahr und kein Vorurteil? Wer suchet der findet. Auffällig ist doch, dass hier kaum ein Produkt einzeln dargestellt wird. Erst das zu schier unermesslichen Türmen zusammengestellte erhält Bedeutung, das Einzelne ist nicht genug. Wer weiss, jetzt nur nicht verrückt werden. Vielleicht ist es nur eine frühe Form des Boldnessgebots im Kommunikationsdesign oder einfach ein ortsübliches Zitat der angrenzenden Hochhäuser. Wir finden diese Stapelsucht jedenfalls auch später im Buchladen wieder ...

Vom Lebensmittelladen geht es an besagten Hochhausburgen vorbei in ein Univiertel. Wir schauen bei den Soziologen vorbei, wo es im Eingangsbereich ausschaut wie in einem selbstverwalteteten Jugendhaus.

Da geht es bei den Zahnärzten schon mondäner zu. Hübsche angehende Zahnärztinnen sitzen vor dem Gebäude und rauchen vergnügt (noch). In den Geschäften anbei kann man gleich entsprechendes Zubehör erwerben.

Kommen wir nach Recoleta, „das Paris von Amerika“. Bei Wiki lesen wir: „Obwohl sich Recoleta gegenwärtig weniger als fünf Minuten vom Zentrum von Buenos Aires entfernt befindet, so war dieser Ort zur Mitte des 19. Jahrhundert für die Bewohner relativ abgelegen. Als 1870 in Buenos Aires Cholera- und Gelbfieberepedemien wüteten, flüchtete sich die Bevölkerung in die umliegenden Orte, um sich vor einer Ansteckung zu schützen. Während die arme Bevölkerungsschicht sich eher im Süden und Südosten neu ansiedelte, kam nach Recoleta vor allem die Oberschicht, da die Anhöhe von Recoleta die Anwesenheit von Stechmücken verminderte und damit die Ansteckungsgefahr geringer als in der Tiefebene war.“ Wichtige Sache: Stechmücken rules the world!

Hier befindet sich auch unser Buchladen, was früher ein Theater war. In den ehemaligen Logen finden sich heute Sessel zum schmökern und auf der ehemaligen Bühne ist ein Kaffee untergebracht.

Entspannung bringt anschließend das „Florencio“, wo die Besitzerin sich nicht ohne mich ablichten lassen mag. End of story for today!

Hello Buenos Aires

12.10.2012
Buenos Aires Airport - First Contact
Anfangs kommt mir alles verdächtig amerikanisch vor. Endlose Warteschlange bei der Immigration, virtueller Fingerabdruck, fotografische Erfassung. Bin ich richtig?

Kein roter Teppich, keine Blaskapelle, kein Komitee zur Begrüßung des deutschen Weltreisenden Pit aus Germany. Stattdessen kommt Esther, meine Vermieterin für die nächsten 2 Monate. Sie ist Anfang 60, grazil, adrett und sehr nett. Ich begrüße sie überschwänglich mit einer fetten Umarmung und Küsschen auf beide Wangen. Die 20 Stunden Billigflug, mit längeren Zwischenaufenthalten in Santa Domingo und Panama, müssen zu dieser Entfesselung meiner Sinne beigetragen haben. Sie ist etwas erschreckt bleibt aber gefasst. Wie ich später erfahre, "schmatzt" sich d e r Argentinier bei der Begrüßung eigentlich nur auf eine Backe.

Wir fahren durch heruntergekommene Vorstädte. Es ist schon spät am Abend, die Strassen sind duster und wie leergefegt. Vereinzelt lungern alkoholisierte Grüppchen herum. Ein Mann uriniert gedankenlos auf die Strasse. Schöne Begrüßung.

Wir erreichen Mario Bravo 828, im Stadtteil Abasto.
Die verschimmelten Wände, der dunkle Aufgang zum Apartment dringen jetzt nicht wirklich bis in mein Bewusstsein vor, ich bin einfach zu müde. Es fällt mir noch auf, dass mir im "Prospekt" die Wohnung wesentlich geräumiger vorkam und dass ich annahm, sie hätte Aussicht. Egal, erst mal schlaf ich jetzt gut in meinem neuen Heim, die Matratze ist jedenfalls prima. Die Geräuschkulisse zum Einschlafen ebenso.

13.10.2012, BA-Abasto
Am nächsten Morgen blauer Himmel und angenehme 2o Grad. Bei Tageslicht betrachtet, scheint es hier in der Wohnung nicht so schlecht zu sein. Immerhin ist es sauber, gut ausgestattet und ganz nett hergerichtet, die Mindestanforderung des deutschen Touristen. Der Ausblick dagegen ist nicht so berauschend …

Die einzige visuelle Verbindung von Wohnung nach draussen schaut so aus …

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Katharina ist angekommen. Auch sie ist überrascht von der Enge der Gegebenheiten. Na ja, jetzt machen wir erstmal einen Streifzug durchs neue Revier.
Große Erleichterung: alles prima! Kein Tourismus hier, keine Yuppies, keine Hipster - nur ganz normale Leute. Was wir sehen ist anders und macht Spass. Das Strassenbild eine wilde Mixtur aus altem Kolonialem und Modernem. Oft ungepflegt, mal aufpoliert, vor allem aber hat es Charme und ist lebendig. Auffällig, dass alle Seitenstrassen von wuchtigen Baumreihen begleitet sind. Die für Buenos Aires typischen Apartmenthochhäuser, die hier im Viertel bis zu 10, in anderen Stadtteilen bis in die Endlosigkeit des Himmels wachsen, stören die bedingte Idylle dieser Stadt nicht. Ein Blick in die Hinterhöfe lohnt, mal ist es eine Fußballschule, mal hat es was mit Tango zu tun, mal mit Steak, oft was mit Auto, hier verstecken sich auch heimliche grüne Oasen. Ganz wichtig: Essen schmeckt! Es gibt in Laufnähe einen sehr leckeren vegetarischen Deli. Die Stadt hat uns ihre ersten Zeichen gesetzt ...

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15. und 16.10.2012
In der Galerie seht ihr noch einige Impressionen von unserem ersten Spaziergang durch die Stadtteile Palermo und Colegialies und vom ersten Steak-Essen in einer Parilla (Parilla = eigentlich der argentischer Grill mit v-förmigen Grillstäben, die ein Abtropfen der austretenden Flüssigkeit auf die Glut durch Ableitung verhindern). Ihr seht, es geht uns gut!