Valparaíso

Das Paradies stelle ich mir anders vor! Rau und abweisend geht es im kommerziellen Teil dieser Hafenstadt mit immerhin fast 300.000 Einwohnern zu. So-so, Valparaísos Stadtkern ist Weltkulturerbe. Wenn man das so anschaut, könnte man im Dresdener Elbtal eigentlich noch einige Brücken gebaut haben bevor man der Stadt den Rang entzieht...

Es lichtet sich etwas in Richtung Bankenzentrum. Elektrische Oberleitungsbusse, äußerlich scheinbar unangetastet seit den 50igern, fahren im Kreisverkehr herum. Die Bank Santander ist ein Machtzentrum aus solidem Marmor und glänzendem Metall. Man scheint mehr Vertrauen in seine Währung zu haben. In Argentinien war jeder Bezahlvorgang eine lang andauernde Krampfhandlung.

Exkurs Chile: Insgesamt wird die Präsenz von Machtgetue spürbar. Durch gepflegte prachtvolle historische Architektur, sprichwörtlich schwerwiegende Monumente und der Präsenz von Militär und Polizei, was bisweilen genauso brutal wie die Armut einer großen Mehrheit daherkommt. Aber ... es gibt auch dieses Gefühl der Frische und der Wille zum Aufbruch im Land. Freche Karikaturen, Graffitis, eine Vielzahl von kulturellen und politischen Aktionen machen Front dagegen. Ein seltsames Gebräu...

Während es bei uns im besten Falle um den friedlichen Kampf der besten Lösung geht, ist die Demokratie hier noch lange nicht stabil, das ist Fakt!

Exkurs vom Exkurs: Ach, wo wir gerade bei allerlei tiefsten Oberflächlichkeiten in der Weihnachtszeit angelangt sind ... habe heute von dem Statement der US-Waffenlobby gehört, das man als Konsequenz aus dem Schulmassaker empfiehlt, in den Schulen bewaffnete Aufpasser zu installieren und das die „good guys“ (wie z.B. die Muttis) öffentliche Waffenpräsenz zeigen sollen. Ein ebenso (öffentlich) cleverer wie schwachsinniger Schachzug. Passend dazu habe ich mir kürzlich einen treffenden Satz von Gandhi notiert: „Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt behalten.“ Viel Spaß dabei, good old USA!

Zurück zur Realität! Im 19. Jahrhundert war Valparaíso jahrzehntelang der größte Hafen des gesamten Pazifikraumes. Nach der Eröffnung des Panamakanals 1914 nahm seine Bedeutung allerdings rapide ab. Heute ist er nicht einmal mehr der größte Hafen Chiles. Ich suche Trost beim Meer und den Tieren.

In der Galerie nebenan zeige ich euch meinen lauschigen Stadtteil. Ich wohne auf einem der Hügel, die man mit öffentlichen „Aufzügen“ (sog. Ascensores) erreichen kann. Gesteuert wird das System über Seilwinden, man macht sich die Schwerkraft zu Nutze. Eine Karre fährt rauf, die andere gegenüber wird abgelassen. Ganz schön cool aber auch etwas furchterregend.

Mein Hügel (Cerro Concepción) wird als besonders romantischer Teil der Stadt verkauft. Auch etwas heruntergekommen aber mediterran, friedlich und PIToresk, ganz nach meinem Geschmack. Viele kleine Passagen mit lustigen Shops und Cafès. Ein Museum ist auch dabei, es ist das Haus eines wirklich witzigen Karikaturisten, Renzo Antonio Giovanni Pecchenino Raggi, LUKAS.